Manosphere & Männlichkeitskult · Kapitel 12

Wenn Algorithmen Frauenhass
und Körperwahn empfehlen

Die Manosphere formt das Weltbild junger Männer und beeinflusst somit teilweise mehrere Generationen.
Wir zeigen euch, was die Daten aussagen und versuchen das Thema einzuordnen.

79 %Jungen 16–17 kennen Tate-Inhalte
52 %Jungen 16–17 finden Tate „gut“
76 %TikTok-Vorschläge nach 2–3h problematisch
51 %Jugendliche unzufrieden mit ihrem Körper
Aggressiv wirkender Mann auf Smartphone (KI; ChatGPT)
Manosphere
12
79 %
79 % der 16–17-jährigen Jungen haben Inhalte von Andrew Tate gesehen. Nur 1 % der gleichaltrigen Mädchen bewertet ihn positiv.

Andrew Tate ist kein Nischenphänomen. Er ist für die meisten Jungen dieses Alters bereits präsent.

Hope Not Hate, 2023 (n = 1.200, UK)mindful.media
Manosphere
12
52 %
Mehr als jeder zweite Junge bewertet Tate positiv. Bei Mädchen sind es 1 %.

Was Eltern und Schule als Frauenhass lesen, erleben viele Jungen als Orientierung, Stärke und Identität.
Das ist die eigentliche Herausforderung.

Hope Not Hate, 2023 (n = 1.200, UK)mindful.media
Manosphere
12
Algorithmus-Eskalation
TikTok gesamt
YouTube Shorts ges.
TikTok: nach 2–3h
YouTube: nach 2–3h
Anteil problematischer Inhalte in algorithmischen Vorschlägen

Egal ob Sport, Fitness oder Games gesucht wird, der Algorithmus bringt Frauenhass von selbst. Nach 2–3 Stunden Nutzung ist die große Mehrheit der Vorschläge auf beiden Plattformen bereits problematisch.

Dublin City University Anti-Bullying Centre, 2024mindful.media
Looksmaxxing · Wenn Körperkult zur Gefahr wird
Looksmaxxing
12
51 %würden Körper
gerne ändern
Mädchen: 60 % · Jungen: ca. 42 %. Was auf TikTok als „Glow Up“ beginnt, endet in Looksmaxxing-Foren bei Bone Smashing und illegalen Hormonen.

Mehr als die Hälfte aller 11–17-Jährigen möchte etwas an sich verändern und Social Media setzt hierbei häufig den Standard.

ISPA / Saferinternet.at, 2024 (n = 400, 11–17 J.)mindful.media
Looksmaxxing
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Von Skincare bis Bone Smashing
Softmaxxing (Skincare, Diät)
Hardmaxxing (Mewing, Steroide)
Extremes (Bone Smashing, OPs)
Kein Hobby, sondern eine Ideologie:
Looksmaxxing-Foren dokumentieren und bewundern alle drei Stufen.

Bone Smashing – Hammerschläge auf Knochen für eine schärfere Kinnlinie – ist keine Übertreibung. Es ist der nächste Schritt in einer Logik, die mit Mewing beginnt.

BARMER 2024 · DCU Anti-Bullying Centre 2024mindful.media
Looksmaxxing
12
28 %
In Looksmaxxing-Foren werden Körper auf der PSL-Skala bewertet: Wer niedrig landet, gilt als „subhuman“. Das ist kein Trend, sondern strukturierter Körperhass.

28 % der 11- bis 17-Jährigen haben schon über einen ästhetischen Eingriff nachgedacht. Das ist sofern problematisch, da in einer Zeit von Social Media, Filter, Facetuning und PSL-Skalen den Maßstab setzen.

ISPA / Saferinternet.at, 2024 (n = 400, 11–17 J.)mindful.media

Quellen: Hope Not Hate – State of Hate 2023 · Dublin City University – Algorithmic Toxicity on TikTok & YouTube Shorts (2024) · Servicestelle Kinder- und Jugendschutz – Manosphere (2025) · ISPA / Saferinternet.at – Schönheitsideale im Internet, Studie 2024 · BARMER – Looksmaxxing: Was steckt dahinter? (2024)
Stand: August 2026

Wer die Sprache der Manosphere und des Looksmaxxing kennt, erkennt Radikalisierungsprozesse früher – und kann gezielter ins Gespräch kommen.

ManosphereIncel

„Involuntary Celibate“: unfreiwillig zölibatär. Incels deuten romantische Erfolglosigkeit als Verschwörung von Frauen. Viele Foren radikalisieren schrittweise zu Frauenhass und Gewaltfantasien.

ManosphereRed Pill

Metapher aus „Matrix“: die rote Pille zeigt angeblich die Wahrheit – dass Frauen die Gesellschaft manipulieren. Einstieg in ein Weltbild, das Gleichberechtigung als Täuschung begreift.

ManosphereBlack Pill

Das nihilistische Extrem: Aussehen und Schicksal sind genetisch festgelegt – Veränderung ist sinnlos. „Black-Pilled“ zu sein bedeutet, jede Hoffnung aufzugeben. Diese Ideologie steht hinter mehreren dokumentierten Anschlägen.

ManosphereMGTOW

„Men Going Their Own Way“: Männer, die alle Beziehungen zu Frauen komplett ablehnen. Was als persönlicher Rückzug wirkt, ist in vielen Foren mit tiefer Misogynie unterlegt.

ManosphereChad

Der idealisierte Mann der Szene: genetisch attraktiv, dominant und sexuell erfolgreich. Direktes Gegenbild zum Incel – ein Ideal, das Unzufriedenheit systematisch produziert.

ManosphereSimp

Abwertung für Männer, die Frauen respektieren, helfen oder Gefühle zeigen. Die Szene nutzt diesen Begriff, um Empathie zu beschämen und soziale Isolation zu normalisieren.

ManosphereSubhuman

Männer, die auf Attraktivitätsskalen so niedrig bewertet werden, dass sie als nicht gleichwertig gelten. Normalisiert Entmenschlichung und ist eng mit Gewaltfantasien verknüpft.

ManosphereAlpha / Sigma Male

Dominanzhierarchien, die Männlichkeit in Stufen einteilen. „Sigma“ (Tates Selbstbild) steht angeblich über dem System. Die Kategorien rechtfertigen Kontrolle über andere als Stärke.

ManosphereLDAR

„Lie Down And Rot“ – totale Resignation. Wer LDAR betreibt, hat jeden Versuch sozialer Teilhabe aufgegeben. Frühzeichen für schwere depressive Zustände, das im Schulalltag oft übersehen wird.

ManosphereCope

Ausrede oder Selbstbetrug. Jemanden des „Coping“ zu bezichtigen heißt: „Du lügst dir vor, dass es Hoffnung gibt.“ Die Szene entwürdigt realistische Selbstwahrnehmung als Schwäche.

LooksmaxxingPSL-Skala

Bewertungsskala für Attraktivität (1–10), benannt nach drei Incel-Foren. Profile werden mit Fotos öffentlich bewertet – wer niedrig landet, gilt als „subhuman“. Systematische Entmenschlichung durch Zahlen.

LooksmaxxingSoftmaxxing

Harmlos wirkende Einstiegsstufe: Skincare, Frisur, Kleidung, Fitness. Für viele Jugendliche der erste Schritt in eine Spirale, die zu Hardmaxxing oder Bone Smashing führt.

LooksmaxxingHardmaxxing

Risikoreiche Optimierung: Mewing, Testosteron-Kuren, extreme Diäten, ästhetische Eingriffe. In Foren werden Methoden mit dokumentierten Gesundheitsschäden geteilt und bejubelt.

LooksmaxxingMewing

Pseudowissenschaftliche Zungenübung, die angeblich Kiefer- und Wangenstruktur verändert. Keine wissenschaftliche Evidenz – aber Millionen Views auf TikTok und YouTube.

LooksmaxxingBone Smashing

Hammerschläge auf Wangenknochen für eine „schärfere“ Kinnlinie. Medizinisch gefährlich bis lebensgefährlich. In Foren als legitime Methode behandelt – mit Vorher-Nachher-Bildern beworben.

LooksmaxxingGlow Up

Ursprünglich positiver Begriff für persönliche Transformation – in Looksmaxxing-Foren zur Einstiegstür. Wer einen „Glow Up“ sucht, landet schnell bei PSL-Skalen und Subhuman-Kategorisierungen.

Einordnung & Erfahrungen · Kapitel 12

Zwischen Körperbild, Fitness und Männlichkeitsidealen

Das Vokabular der sogenannten Szene ist mir bei meinen Schüler:innen bislang nicht direkt begegnet. Wohl aber beobachte ich angrenzende Verhaltensmuster. Besonders bei älteren Schülern spielt die Fitness-Szene eine Rolle, andere Einflüsse zeigen sich bisher eher subtil.
Beim Thema Körperunzufriedenheit sehe ich einen wichtigen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen, den auch die Forschung beschreibt:
Mädchen orientieren sich stärker an Schlankheitsidealen, Jungen eher an einem muskulösen Körperbild. Beide Gruppen wünschen sich dabei ähnlich häufig eine Veränderung ihres Körpers. Gleichzeitig zeigt sich ein Unterschied darin, wie sich diese Ideale auf das eigene Selbstbild auswirken:
Bei Mädchen steht die stärkere Verinnerlichung des Schlankheitsideals nachweislich mit einem niedrigeren Selbstwert in Zusammenhang. Der Druck ist also nicht für alle gleich, selbst wenn einzelne Prozentzahlen zunächst ähnlich aussehen.
Auch als Vater eines Sohnes beschäftigt mich dieses Thema persönlich. Besonders patriarchale Rollenbilder sind meiner Frau wichtig, gleichzeitig geht es für mich ganz konkret um die Frage, welches Verhalten ich meinem Sohn vorlebe.
Eltern und Kolleg:innen, die bei einem Jungen erste problematische Entwicklungen beobachten, würde ich deshalb nicht zu Verboten oder einer konfrontativen Haltung raten. Gerade wenn ein Jugendlicher sich ohnehin ausgegrenzt oder nicht verstanden fühlt, kann eine reine Abgrenzung die Distanz zu anderen Weltbildern möglicherweise noch verstärken.
Wichtiger ist aus meiner Sicht echtes Interesse und ein Gespräch über Rollenbilder, Respekt und Gleichstellung. Dazu gehören auch alternative Vorstellungen davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein: nicht Dominanz und Härte, sondern Verantwortung, Fürsorge, Empathie und die Fähigkeit, über eigene Gefühle zu sprechen.
Jungen müssen erleben dürfen, dass sich um sich selbst und um andere zu kümmern keine Schwäche ist.

Wissen ist der erste Schritt.
Handeln ist der zweite.

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Stand: Juni 2026 · Zusammengestellt von mindful.media

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